In den letzten Stunden habe ich rund um das Podcamp viele interessante Gespräche zum Thema der Zukunftsausrichtung der Medien geführt und angehört, und bin doch überrascht wie sehr Deutschland immer noch hinterherdenkt.
Während ich von Zeitungen und ihren Online-Auftritten heute Rund-um-Versorgung erwarten kann und will, sind manche doch immer noch der Überzeugung, dass man sich besser auf eine Sache richtig, als auf viele Sachen nur halbwegs konzentrieren sollte.
Als angehender Journalist, der zugegebenermaßen mit dem amerikanischen System viel besser vertraut ist, als mit dem Deutschen, muss ich doch ein wenig schmunzeln wenn in der heutigen Zeit tatsächlich noch Leute behaupten, dass ein Redakteur nicht nebenbei noch eine Audio-Datei und einen Videobeitrag, zusätzlich zu seinem eigentlichen Artikel produzieren kann.
Die Realität ist aber, dass genau das verlangt wird und das es eigentlich keinen Grund gibt warum das nicht gerechtfertigt wäre. Fakt ist, wir hinken hinterher und Tatsache ist, dass das vor allem auf unserer eigenen Faulheit gründet die ich mir selber nicht absprechen will, zumindest wenn ich in Deutschland bin wo Ehrgeiz und Tatendrang nicht gerade gefördert werden.
Um auf eine mögliche zukünftige Ausrichtung einer Printausgabe im Internet zurückzukehren möchte ich vor allem darauf hinweisen, dass dieses Audio- und Videoangebot schlichtweg ein bereits gutes Konzept komplettieren sollten. Ich gehe nicht auf die Seite meiner liebsten Zeitung um dort Artikel zu lesen die schon in der Printausgabe standen. Wenn mir aber die NYTimes.com eine „Backstory“ zu diesem Artikel als mp3 anbietet, indem der Redakteur des Berichts nochmals dazu interviewt wird, dann finde ich das eine sinnvolle Ergänzung. Wenn ich diese Backstory dann noch als Podcast abonnieren kann, und dadurch auf interessante Artikel in der Zeitung aufmerksam werde, die ich ohne das Interview nicht entdeckt hätte dann kann ich das ebenfalls nur begrüßen.
Wenn mir meine Zeitung dann noch ein Video von dem letzten Bericht aus meiner Nachbarschaft anbietet um das ganze vollends abzurunden, dann bin ich ein komplett zufriedener Kunde und habe dabei nur auf ein Produkt zurückgegriffen: Das von einer einzigen Zeitung.
Natürlich hätte ich diese zusätzlichen Infos auch woanders bekommen können, aber genau deswegen müssen die Zeitungen ja auch reagieren. Wenn sie mich locken und mir den Aufenthalt auf ihrer Online-Seite schmackhaft machen wollen, dann müssen sie meine Anforderungen erfüllen.
Bei der Produktion meiner Arbeit stelle ich immer wieder fest, dass unsere erfolgreichsten Gäste einfacher zu erreichen sind als die kleinen Lokal-Redakteure. Während die Stars der Branche die Telefonnummer von zu Hause mitteilen damit man das Interview am Sonntag um 21 Uhr noch führen kann, behauptet der Sportredakteur deiner Zeitung, dass er nach 17 Uhr nicht mehr zu erreichen ist.
Es hat etwas mit Arbeitseinsatz zu tun und die Gruppe angehender Journalisten die behauptet, dass die Anforderungen die ich an die Branche stelle zu hoch sind, müssen ganz schnell aufwachen wenn sie in ein paar Jahren noch einen guten Job bekommen wollen. In der Zwischenzeit rennen Studenten mit Notizblock, Kamera und Mikrofon durch die Stadt.
Die Zukunft hat schon längst begonnen und wer mir nicht glaubt, der schaut einfach mal auf die Kursliste einer x-beliebigen Journalism School einer amerikanischen Universität und fragt mich dann ob ich wirklich jede Woche bis weit nach 2 Uhr nachts im Studio die diversen Beiträge fertig gestellt habe.
> Mehr zum Thema: podcampde
Januar 17, 2007 at 2:38
Hi Franz,
wir hatten ja eine relativ sachliche Diskussion zum Thema. Ich bin, trotzdem ich sehr Web-Zeugs-affin bin, der Meinung, dass es der Qualität nicht gut tut, wenn man jeden alles gleichzeitig machen lässt. Klar ist es nett, wenn ich ein gutes Video, ein gutes Audiostück und einen guten Textbericht von einem Ereignis von einem Journalisten bekomme. Aber ich verzichte gerne auf das Video und das Audiostück, wenn man mir dafür einen sehr guten Artikel gibt.
Wir hatten in einer Diskussion am Wochenende die Frage, ob man ein „brennendes Möbelhaus“ nicht auf der Website der Regionalzeitung sehen möchte statt nur drüber zu lesen.
Doch welchen Wert haben flackernde Flammen außer Sensationslust zu befriedigen? Die gleiche Zeit könnte der Journalist auch für Recherche rund ums Thema aufwenden. Und dann wäre ich daran ungleich interessierter, als an verwackelten Möbelhausbränden.
Ja, ich glaube, dass wir mehr Video- und Audioberichterstattung brauchen. Dein Beispiel mit dem Hintergrundgespräch mit dem zuständigen Redakteur halte ich für sehr interessant, ein Video mit dem Gesicht des Redakteurs wäre informationstechnisch hingegen vollkommen belanglos angereichert.
Januar 17, 2007 at 6:01
Hallo Falk,
ich gebe dir absolut Recht, dass für den Print-Journalisten der gedruckte Artikel im Vordergrund stehen sollte. Ich bin nur der Meinung, dass man nebenher noch eine ganze Menge sonstiger Sachen leisten kann, ohne dabei die Qualität des eigentlichen Artikels nicht leiden zu lassen.
Es sind wahrscheinlich zwei verschiedene Themen. Das eine, dass eine Zeitung generell und nicht unbedingt von ein und derselben Person mehr Audio- und Videobeiträge anbieten sollte und das zweite, dass ein einzelner Journalist jetzt mehrere Dinge leisten muss.
Ich sehe nicht unbedingt nur die Sensationslust des Möbelhausbrandes gefüttert, sondern auch das Wissen wie groß die Ausmaße wirklich waren. Anderes Beispiel: Hätte es denn großes Aufsehen gegeben wenn die Medien über die Auswirkungen des Hurrican Katrina lediglich geschrieben hätten? (Gut recherchiert wohlgemerkt.) Manchmal habe ich lieber ein verwackeltes Bild, als gar kein Bild und wenn wir ehrlich sind gab es in der Vergangenheit manchmal einfach kein Bild wo vielleicht ein Schnappschuss vieles hätte hinzufügen können.
Ich weigere mich dagegen als angehender (und ich betone angehender) Journalist mich nur auf ein Medium zu beschränken, in der Angst ich könnte mehrere nicht mehr ordentlich ausführen. Bei vielen klingt das einfach seltsam wenn sie fragen ob sie jetzt auch noch einen Blog schreiben müssen.
Danke für deinen Kommentar. Ich halte dies für eine spannende und immens wichtige Diskussion wenn es um die Zukunft des Berufes geht und behaupte auf keine Fall eine Antwort gefunden zu haben.
Januar 17, 2007 at 10:41
Eine Antwort gefunden zu haben, das kann ich (leider) auch nicht von mir sagen.
„Alles kann, nichts muss“ scheint mir jedoch der vielversprechendste Weg zu sein. Vielleicht schlummert im einen oder anderen Fernsehjournalist ja wirklich ein begnadeter Texter oder andersherum. Aber jemanden zu seinem Glück zu zwingen, einfach nur Sinnfrei…
Die Zeitbudgets für Journalisten sind nur bei wenigen Brötchengebern so gestrickt, dass da noch Luft für weitere Spirenzchen wäre – denn das bezahlen will im Regelfall (verlagsseitig) keiner. Also plädiere ich fast dafür, dass Journalisten auch nicht „inklusive trimedialer Aufbereitung“ anbieten, sofern sie nicht die für alle drei Formen üblichen Honorare bekommen.